Seid achtsam! Max Planer "Die Abzweigung war da, aber ich habe sie nicht genommen."

NW A10 Leistungssport News

Von Evi Simeoni, Frankfurt

Der Ruder-Weltmeister Max Planer hat die Meditation für sich entdeckt und sich damit einen neuen Zugang zum Leistungssport erschlossen. Er ist nicht der Einzige. Doch auch dieser Weg ist voller Steine, Corona hat seine Saison beendet.

 Maximilian Planer hat mit seinem schwarzen Bart etwas von einem Bären. Er ist Ruderer. Mit dem Deutschland-Achter war er schon zweimal Weltmeister, 2017 und 2018. Um auf ein solches Leistungsniveau zu kommen, kann ein Sportler nicht dem Lustprinzip folgen. Er muss sich immer wieder weh tun, die Leistung manchmal aus sich selbst herausprügeln. Die Frage ist: Woher kommt dieser Antrieb, sich zu quälen? Planer hat darüber viel nachgedacht. "Wenn ich bei mir selber schaue, war es ein riesiger Antriebsmotor, dass ich als Kind in der Schule gemobbt wurde." Er war viel größer als die anderen, hatte, bis er von seinem Heimatort Bernburg ins Sportgymnasium Magdeburg wechselte, in keiner Schulklasse Freunde, hatte Angst, wurde belauert und wusste nicht, warum. "Ich habe gesagt, ich will mir und den anderen beweisen, dass ich mehr bin als die Heulsuse, die von anderen geärgert wird."

Planer ist jetzt 29 Jahre alt, hat 15 Jahre Leistungssport hinter sich und stellt seit ein paar Jahren diese Art von Antriebsmechanismus in Frage. "Das ist eine Sache, die kommt daher, dass das Ego verletzt ist. Viele Leistungssportler machen ihren Sport aus solchen Ego-Gründen, und nicht, um daran Freude zu haben und ihren Erfolg zu genießen. Viele brauchen es, um überhaupt einmal einen Glücksmoment zu haben." Er sieht die Gefahr, dass solche Sportler nach einem Erfolg in ein Loch fallen. "Dann brauchen sie wieder den Erfolg, danach fallen sie wieder in ein Loch und merken nicht, dass sie der Erfolg nie richtig glücklich machen wird."

Solche Gedanken treiben Planer um. Seit ein paar Jahren meditiert er regelmäßig und hat dabei Schale um Schale geöffnet, wie er es nennt. Er ist nicht der einzige Leistungssportler, der Meditationstechniken für sich entdeckt hat. Maleika Mihambo, die Weltmeisterin im Weitsprung, tut es. Und auch der Schneidersitz, den der norwegische Fußball-Torjäger Erling Haaland manchmal beim Jubelritual zeigt, ist keine reine Pose. Der Jung-Star von Borussia Dortmund meditiert regelmäßig. Genau wie Mohamed Salah vom FC Liverpool und der nimmermüde Cristiano Ronaldo von Juventus Turin.

In der nächsten Zeit will Planer den Blick nach innen weiter intensivieren. "Ich werde mir das Gehirn raus meditieren", sagte er am Sonntag, als klar war, dass er das Trainingslager der deutschen Mannschaft in Portugal verlassen würde. Nun hat er plötzlich Zeit. Der Coronavirus hat seine Saison beendet, denn seit der Absage aller Weltcup-Regatten, zuletzt am Samstag die wichtigste vorolympische Veranstaltung in Luzern, hat er keine Chance mehr, in eines der für die Olympischen Spiele in Tokio vorgesehenen Boote aufzurücken. Das bedeutet, dass seine sportliche Saison abrupt zu Ende gegangen ist. "Es ist ein kleiner Schock, zu verdauen, dass Olympia für mich nun endgültig vorbei ist." Aber nur für ihn? Diejenigen, die einen Platz im Achter sicher hätten, versuchten, die Diskussionen um eine mögliche Verschiebung der Sommerspiele auszublenden, um die Konzentration nicht zu verlieren, sagt er. "Sie brauchen diesen Fokus für die Vorbereitung und dürfen um sich herum nicht so viel wahrnehmen." Planer sagt, er selbst werde den Fokus jetzt wieder stärker auf andere Dinge legen.

Zwischen Kämpfen und Loslassen.

Rückblende: Ein Konferenzraum des Ruder-Leistungszentrums Dortmund vor zwei Wochen. Das wahre Ausmaß der Corona-Krise ist noch nicht für viele vorstellbar, aber schon jetzt versucht Planer, gelassen auf das zu blicken, was kommt. Draußen riecht es nach Frühling. Das erste Training auf dem Dortmund-Ems-Kanal hat er an diesem Tag bereits hinter sich. Jetzt redet er sich immer mehr in Leidenschaft, wie ein Mensch, der etwas Entscheidendes für sich entdeckt hat und es teilen will. Je mehr er redet, desto plastischer wird die Vorstellung von einem anderen Typ Leistungssportler. Einem Menschen, der achtsam mit Körper und Geist umgeht, der nicht von falschen Glaubenssätzen getrieben ist, sondern bewusste Entscheidungen trifft und trotzdem zu Spitzenleistungen fähig ist. Sein Ziel ist da noch intakt: Er will sich ein zweites Mal für die Olympischen Spiele qualifizieren, möglichst im Deutschland-Achter. Er will das auf dem Weg der Achtsamkeit erreichen. Ob so etwas möglich ist? Planer wirkt wie ein Riese, der mit einem Bein im gnadenlosen Verdrängungswettbewerb steht, mit dem anderen in der Welt des weisen Loslassens. Er hat das Gefühl, das Richtige zu tun. "Es ist nicht so, dass ich den Faden vom Leistungssport verliere. Es ist eher so, dass ich diesen Leistungssport anders wahrnehme."

Und doch schlug im Januar sein Körper dramatisch Alarm. Beim Ergometertest, dem Auftakt zum Kampf um die Plätze im deutschen Achter, Vierer und Zweier, übernahm er sich so extrem, dass das Laktat in seinem Blut auf 27 Millimol pro Liter anstieg - eine erschreckende Konzentration des Stoffwechselprodukts, das bei extremer Belastung entsteht. Er konnte danach nichts mehr essen und trinken, in der Nacht hatte er so schwere Symptome, dass er auf der Intensivstation landete. Seine Nieren arbeiteten nur noch zu zehn Prozent. Ein seltenes, besorgniserregendes Phänomen. Im schlimmsten Fall wäre er zum Dialyse-Patienten geworden. Doch langsam nahmen seine Nieren die Funktion wieder auf - er lag sechs Tage im Krankenhaus und musste sich danach sechs Tage schonen. Am 28. Januar, seinem 29. Geburtstag, trug die Mannschaft im Trainingslager in Portugal den vermeintlich entscheidenden Zweier-Test aus. "Der Zug ist abgefahren, und ich stand noch am Bahnhof."

Wie konnte einem Menschen, der so aufmerksam in sich hineinhört, so etwas passieren? "Ich habe mich vielleicht zu krass fokussiert", sagt er. Die Entscheidung, die Qualifikation für Tokio 2020 noch einmal voll konzentriert anzugehen, hatte er bewusst getroffen. Dafür brauchte er einen neuen Ansatz. "Ich habe gemerkt, dass ich, seit ich mich mit dem Thema beschäftige, mehr Probleme habe, vor dem Wettkampf in den Tunnel zu kommen. Vorher war es so, da ging es halt immer um Leben und Tod." Mittlerweile hat er Fähigkeiten entwickelt, um sich auf andere Weise zu fokussieren. Er macht morgens nach dem Aufwachen intensive Atemübungen. "Man liegt da und spürt, wie das Blut durch die Adern fließt." Er ernährt sich bewusst. Und er hat einen Film gebastelt, den er sich bis vor kurzem täglich ansah. Ein Mind Movie. In diesem Film hat er die Olympiaqualifikation bereits geschafft. Um die Wirkung zu verstärken, schaute er sich vorher ein Kaleidoskop an. "Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich auf dem Ergometer so weit gegangen bin", sagt er. "Kann sein." In der Praxis kann er seine Technik in diesem Jahr nun nicht mehr erproben. Er muss sich, wie viele Menschen in diesen Tagen, einer Entwicklung beugen, auf die er keinen Einfluss hat.

"Die Abzweigung war da".

Angefangen hat Planers Interesse am Thema Achtsamkeit mit einer inneren Notlage. Er erreichte 2016 mit dem Vierer die Olympische Regatta in Rio, der zwölfte Platz dort war für ihn aber eine schwere Enttäuschung. "Ich war bei Olympischen Spielen und dachte trotzdem, ich bin der schlechteste Mensch auf der Welt. Ich war richtig fertig." In dieser Situation suchte er die Hilfe des Osteopathen Carsten Hoffmann, der auch für den Stützpunkt Dortmund arbeitet. "Er hat mit mir eine geführte Meditation gemacht zum Thema Selbstliebe. Da fingen so ein paar Prozesse an zu laufen." Er habe begriffen, dass es nicht die Medaille sei, die ihn als Menschen weiterbringe, sondern die Erfahrung. Endgültig eingestiegen in die Materie ist er aber erst zwei Jahre später. Damals war die Freundin weg, und sein WG-Partner zog fort, so dass er plötzlich viel öfter mit sich allein war. "Das war die Phase, wo ich voll auf dem Meditationszug aufgesprungen bin. Das hat mein Leben krass verändert. Meine Perspektive auf alles."

Inzwischen hat sich Planer erholt von der Krise. Seine Nieren sind wieder fit. Im Krankenhaus überlegte er, ob er jetzt aufhören sollte mit dem Leistungssport, aber er war noch nicht fertig damit. "Das war ein inneres Ringen", sagt er. "Die Abzweigung war da, aber ich habe sie nicht genommen." Er wollte seine Karriere nicht im Krankenhaus beenden. Und er brauchte ein Ziel, um sich körperlich wieder fit zu machen und sich damit auch mental aufzubauen. In Dortmund bestand er einen Ergometer-Belastungstest, zur Sicherheit nur über die halbe Strecke, also 1000 Meter, und bekam das okay: Er ging mit ins Trainingslager. Die wachsenden Zweifel daran, dass Tokio überhaupt wird stattfinden können, registrierte er zunächst entspannt. "Ich habe meine Rückschläge schon gehabt", schrieb er aus Lago Azul.

Das war kurz bevor die Trainer ihn nach Hause schickten. "Ich hatte schon länger das Gefühl, dass, ich weiß nicht, wer auch immer, das Universum vielleicht, mir krasse Steine in den Weg nach Tokio legt. Das Nierenversagen erschien mir bisher als der krasseste", sagte er am Sonntag am Telefon. "Aber das, was jetzt passiert ist, ist noch krasser."

Es fing schon bei der WM im vergangenen Jahr an, als Planer mit dem Vierer die direkte Olympiaqualifikation verpasste, weil dessen Bahn durch Wind benachteiligt war. Im Herbst trennten sich seine Eltern, was ihn sehr beschäftigte. Einmal, im Zweier-Training. tauchte plötzlich ein Schiff auf, das so leise war, dass sie es erst bemerkten, als es nur noch fünf Meter entfernt war. "Wir haben gerade noch die Kurve gekriegt."

Auch in Portugal hat Planer, der in Dortmund Journalistik studiert hat, neue Folgen für seinen Podcast mit dem Titel "Gamechanger" produziert. Da spricht er, manchmal zusammen mit Gästen, unter anderem über die Themen Motivation und Achtsamkeit. Die Podcasts sollen auch für den Anfang seines Lebens nach dem Sport stehen. Nach der Karriere will er seine Erkenntnisse bei Seminaren und Workshops weitervermitteln, gemeinsam mit Carsten Hoffmann, dem Osteopathen, mit dem alles begann. "Ich will etwas Großes aufziehen." Die Wirkungen der Meditation, sagt Planer, seien in ihrer Tragweite noch gar nicht erkannt. "Wenn sich das wirklich durchsetzt, und ich gehe davon aus, dass es sich durchsetzt in den nächsten zehn, zwanzig Jahren, dann wird das die Welt grundlegend verändern."

veröffentlicht am Dienstag, 24. März 2020 um 16:23; erstellt von Hummels, Wilhelm
letzte Änderung: 03.04.20 18:11

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